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Erfolgsgeschichten

Butrus’ Geschichte: Vom Weihnachtsmarkt zu 12.000 Paketen am Tag – und die Insolvenz, die alles veränderte

30. Oktober 2026 · Butrus Said · 10 Min. Lesezeit

Mit 17 nach Deutschland, mit eBay zum ersten Umsatz, mit Amazon auf 20 Millionen – und dann der Absturz. Die Geschichte hinter dem AMZ Seller System und die Lehren, die jeder Händler kennen sollte.

Wer Butrus heute auf YouTube sieht, sieht den Amazon-Mentor. Was die wenigsten kennen: Dahinter liegt eine Geschichte mit einem Onlinehandel, der auf über 20 Millionen Euro Jahresumsatz wuchs – und mit einer Insolvenz, die ihn fast alles gekostet hätte. In einer langen Video-Dokumentation erzählt er sie komplett, gemeinsam mit Weggefährten aus über zehn Jahren. Hier sind die Stationen und die Lehren daraus.

Mit 17 allein nach Deutschland

Butrus wächst in Palästina auf, als einer von vier Söhnen. Zwei Geschwister studieren bereits, das Geld der Familie ist aufgebraucht. Als er erfährt, dass das Studium in Deutschland fast kostenlos ist, lädt ihn eine Tante ein, die seit 20 Jahren hier lebt. Seine erste eigene Wohnung in Frankfurt: Nachkriegsbau, Dusche in der Küche, Kohleofen. Eines Tages löst sich das Ofenrohr aus der Wand – wäre er in dem Moment nicht zufällig aufgestanden, wäre er am Rauch erstickt.

Minus sechs Grad auf dem Weihnachtsmarkt

Während des Wirtschaftsinformatik-Studiums jobbt er als Kellner und als Gärtner und merkt schnell: Am Ende verdient immer der Chef. Nebenbei verkauft er auf dem Weihnachtsmarkt Holzschnitzereien aus Palästina, bei minus sechs Grad. Ein Kollege rät ihm, die Figuren online einzustellen. Also stellt er sie 2004 bei eBay ein – und macht an guten Tagen bis zu 1.000 Euro Umsatz. Auf dem Weihnachtsmarkt waren es 400 bis 500 Euro am ganzen Wochenende. Die Entscheidung für den E-Commerce war gefallen.
Ein Gewerbe durfte er als ausländischer Student damals nicht anmelden – also lief es zunächst über die Tante, später über seinen Kommilitonen und späteren Geschäftspartner August aus Polen. Aus der Studenten-WG wurde eine Firma.

Vom Wohnzimmer zu 12.000 Paketen am Tag

Die Stationen danach klingen wie im Zeitraffer: erstes Büro mit zwei Mitarbeiterinnen. Dann 300 Quadratmeter, auf denen das Team 10.000 Pakete im Monat abfertigt. Dann eine alte Postfiliale an der Frankfurter Mainzer Landstraße mit 39 Mitarbeitern – so eng, dass eine Europalette zentimetergenau in den einzigen Aufzug passte und die Polizei bei Container-Anlieferungen die Straße sperrte. Der DHL-Chef kam persönlich vorbei, um zu verstehen, warum die Abholung dort so lange dauerte.
Den Namen für den Shop fand Butrus 2009 am Telefon, während sein Partner August auf der Frankfurter Einkaufsstraße Zeil unterwegs war: Zait24 – die Zeil, die rund um die Uhr geöffnet hat. Die Mitarbeiter fanden den Namen zunächst schlecht. Er setzte sich trotzdem durch.
Am Ende steht eine eigene Halle in Bad Vilbel: vier Tore Wareneingang, vier Tore Warenausgang, bis zu 72 Mitarbeiter und an Spitzentagen 12.000 Pakete – an einem einzigen Tag.

20 Millionen Umsatz – und ein Vertrag, der alles kippte

Mit rund 20 Millionen Euro Jahresumsatz war das organische Wachstum ausgereizt, die eigenen Mittel steckten in der Ware. Über einen Kontakt kam ein Finanzberater ins Spiel. Der Plan: eine Million Euro Working Capital, um Ware einzukaufen. Das Ergebnis: drei Millionen Fremdkapital, davon 2,6 Millionen für ein Gebäude und nur 400.000 für die Firma – bei fast 200.000 Euro Beraterhonorar. Gleichzeitig stellte die Firma im Vertrauen auf das Wachstum 14 neue Leute im Verkauf ein.
„Ich sagte zu meiner Frau: Ich habe das Gefühl, dass wir hier unseren Tod unterschreiben. Unterschrieben haben wir trotzdem – man sagt sich ja: Wir müssen weiter.“
Dann ging das Geld für die Schnelldreher aus – genau die Produkte, die den Umsatz trugen, konnten nicht nachbestellt werden. Die Investorensuche begann zu spät: Wer in Schieflage verhandelt, ist der schlechteste Verhandlungspartner. Die Partner waren bereit, die Hälfte der Firma abzugeben, um die Arbeitsplätze zu retten. Die Zeit reichte nicht. Die Insolvenz musste angemeldet werden – in Deutschland haftet man persönlich, wenn man sie verschleppt.

Was wirklich schiefging

  • Die Finanzen waren aus der Hand gegeben. Wer seine Zahlen nicht selbst im Griff hat, ist von Beratern abhängig – und erkennt einen schlechten zu spät.
  • 95 Prozent des Umsatzes liefen über Amazon. Ein Standbein ist kein Stand.
  • Zu viele Artikel. Das Sortiment wuchs schneller als der Überblick. Eingekauft wurde wie in den Jahren zuvor, während der Absatz längst stagnierte.
  • Teure Technik-Entscheidungen. Das selbst entwickelte Warenwirtschaftssystem kostete über 22.000 Euro Personalkosten im Monat – fertige Software hätte einen Bruchteil gekostet. Die SAP-Einführung verschlang mehr Geld, als sie Übersicht brachte.
  • Der Markt drehte sich. Ab 2015/16 fluteten Anbieter aus China den Marktplatz. Wer austauschbare Produkte verkauft, verliert dieses Rennen über den Preis.

Die Flucht nach vorne

Jeder der drei Partner ging anders mit dem Ende um. Butrus fing schon Wochen später an, neue Firmen aufzubauen. Ehemalige Geschäftspartner fragten ihn, wie er damals Strukturen aufgebaut hatte und was er aus den Fehlern gelernt hat – daraus wurden die ersten Coachings, später Auftritte als Speaker. Nach Vorträgen kamen Händler zu ihm, manche den Tränen nah, und berichteten von genau denselben Problemen. Das wurde der Kern seiner heutigen Arbeit als Amazon-Mentor: offen sagen, was schiefgelaufen ist. Über Erfolge reden kann jeder.

Was du daraus mitnimmst

  • Gib die Finanzen nie komplett aus der Hand – auch nicht an den überzeugendsten Berater.
  • Prüfe Berater an ihrer Erfahrung: Hat diese Person selbst ein Unternehmen deiner Größenordnung geführt?
  • Nimm dein Bauchgefühl bei Verträgen ernst. Wenn sich etwas falsch anfühlt, ist Tempo kein Argument.
  • Wachstum braucht Vorbereitung: Kenne deine Schwächen, bevor du skalierst.
  • Halte dein Sortiment so klein, dass du jeden Artikel im Blick hast – und halte Kapital für die Nachbestellung deiner Schnelldreher zurück.
  • Baue mehr als ein Standbein auf, bevor du es brauchst.
Die komplette Dokumentation mit allen Stationen – vom ersten Büro bis zur Halle in Bad Vilbel – siehst du im Video oben im Artikel.
Butrus Said
Butrus SaidGründer, AMZ Seller System

Verkauft selbst aktiv auf Amazon – unter anderem auf dem US-Markt – und begleitet mit dem AMZ Seller System Händler beim Aufbau eigener Marken.

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